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Liebe Schwestern und Brüder,

ich denke, viele von uns kennen aus Erfahrung oder von Karten Trostsprüche, die in Zeiten von Trauer, Schmerz und Einsamkeit Ausdruck von Halt sein wollen. Manche haben einen christlichen Ursprung, andere sind bisweilen in einer fast kindlichen Gemütsprägung. Es ist nicht leicht, im Angesicht eines schweren Schicksals rechte Worte zu finden und nicht jeder Spruch bewirkt das, was man sich eigentlich wünscht.

Ein Spruch, der mir allerdings wirklich gut gefällt, hat es sogar zum Titel dieses Pfarrbriefs geschafft: „Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand.“ Ein wirklich sehr ergreifendes Wort, auch wenn es so gar nicht biblisch ist, sondern aus der Zeit des 2. Weltkriegs stammt.

Sich fallen lassen – das hat für mich mit ganz viel Vertrauen zu tun. 3 Bilder sind mir bei dem Spruch gekommen.

Ich lasse mich fallen – in eine Blumen-wiese.

Das ist jetzt für den Herbst nicht der beste Tipp, aber im Frühjahr, wenn die Sonne die Natur wieder zum Leben kitzelt, kann das einfach etwas ganz schönes sein, sich der Natur ganz hinzugeben, sich auszubreiten in die Schöpfung und eins werden mit ihr. Das hab ich schon immer gern mal gemacht und konnte spüren: es gibt einen Halt, ich werde getragen, ich muss nicht alles selbst gestalten, es gibt einen ganz tiefen Urgrund, der mir die letzte Tragkraft gibt. Im christlichen Glauben nennen wir sie Gott und gerade in der Schöpfung können wir diese Nähe, diese Zugewandtheit, diese Liebe Gottes zu uns noch einmal mehr spüren. Wohl dem Menschen, der von sich sagen kann: meinen Halt und meine Wurzeln habe ich in Gott. Das ist ein beschenkter Mensch. Möge uns immer wieder diese Erfahrung ermöglicht werden, dass wir erkennen: wir gehen unseren Lebensweg nicht allein, Gott ist an unserer Seite, häufig unauffällig, kaum sicht- und spürbar, aber doch so nah.

Wohl dem Menschen, der weiß, dass ich mich in Gottes Hände fallen lassen kann.

Ich lasse mich fallen – in die Hände eines Menschen meines Vertrauens.

Schon in der Jungend hab ich solche Beziehungsspiele kennengelernt, dass eine Person mit geschlossenen Augen rücklings zu einer anderen steht und sich bedingungslos fallen lässt – in der großen Hoffnung, man wird aufgefangen. Da gehört enormes Vertrauen dazu. Einfach daran glauben, ich werde jetzt von dieser einen Person gehalten, ich falle nicht um, ich pralle nicht auf. Auch bei Ehevorbereitungsseminaren war das oft eine Methode, um anschaulich zu zeigen, wie wichtig und wertvoll es ist, dass Menschen nicht nur nette Worte zueinander sagen, sondern sie mit Leben und echter Tragkraft erfüllen. Zum Glück kippen wir nicht ständig um, so dass wir immer wieder aufgefangen werden müssten, aber diese Vertrauensübung will ja den Blick öffnen: es kann dir gut tun, wenn du einem anderen wirklich blind vertrauen kannst, wenn du weißt: ich werde getragen in welcher Situation auch immer. Wie gut tut es doch, wenn es bei Partnern wirklich so ist: man kommt heim, ist vielleicht noch etwas angefressen vom Beruf, vom Tagesablauf, dann hat nicht alles so geklappt wie gewünscht, der Verkehr hat ja sowieso gestresst – und dann ist einfach jemand da und nimmt mich mit all dem an, was grad auf meinem Herzen liegt. Ich darf einfach nur noch ablegen, loslassen, ich darf mich fallenlassen in dem bedingungslosen Vertrauen meines Gegenübers, der mir anzeigt: ich liebe dich, so wie du bist und mit dem, was du mitbringst. Gesegnet diese Menschen, die eine solche Person an ihrer Seite haben. Das kann gut tun.

Wohl dem Menschen, der weiß, dass ich mich in die Hände einer vertrauensvollen Person fallen lassen kann.

Ich lasse mich fallen – in die Hände einer Gemeinschaft.

Sinnbildlich kam mir da das Bild vom Sprungtuch, das es heute nicht mehr so häufig gibt. Bei einem Brand versammeln sie Feuerwehrler unter einem Fenster und bereiten ein solches Sprungtuch aus, um einem Menschen in Not den Sprung in die Rettung zu ermöglichen. Grad in solch einer akuten Situation erfordert das natürlich ein ganz besonderes Maß an Vertrauen. Aber wie oft geht es uns auch ohne ein Feuer im Haus so, dass es in unserem Leben „brennt“, dass wir von manchen Umständen einfach überfordert sind und unendlich dankbar, wenn wir dann einfach uns aufgefangen fühlen können. Für mich ist das Idealbild einer Gemeinde, wenn ich weiß, dass hier Menschen um mich sind, die einfach für mich da sind, die mich aufnehmen in ein Netzwerk des Gebetes, denn das ist etwas, was wir alle füreinander tun können. Wo es Menschen gibt, die auch da sind für ein offenes Ohr oder eine helfende Hand, wenn ich einfach die Möglichkeit brauche, mal zu reden oder mich unterstützen zu lassen. Ohne Hintergedanke, ohne: was bekomme ich dafür zurück? Der Name Gottes: „Ich bin da“, gelebt von Menschen in einer Gemeinschaft, das hat für mich ganz viel mit dem Bild vom Reich Gottes zu tun, von dem Jesus immer spricht. Und ich bin mir sicher: würden wir als Gemeinden ein solches Bild des Miteinander und Füreinander ausstrahlen, wir hätten eine ganz andere Strahlkraft in unserer Gesellschaft.

Wohl dem Menschen, der weiß, dass ich mich in die Hände einer Gemeinschaft fallen lassen kann.

Sich fallen lassen können/dürfen, im Vertrauen: ich werde gehalten und getragen – ich wünsche Ihnen allen immer wieder diese tolle Erfahrung!

Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit, in der die Natur im Gottvertrauen viel fallen lässt

Ihr Pfarrer Michael Erhart

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